In den frühen fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderst dominierte immer noch das Rollfilmformat die Amateurfotografie - seit 1901 gibt es den von Kodak entwickelten Rollfilm Typ 120, der den Fotomarkt revolutionierte und die bis dahin vorherrschende umständliche Glasplattenfotografie ablöste.
Das Negativformat des Rollfilms hatte die Größe von 6x6 oder 6x9 Zentimeter (!) und ermöglichte als Bild problemlos einen 1 zu 1 Kontaktabzug, der wesentlich preisgünstiger war als ein vergrößertes Bild vom Negativ.
In den späten fünfziger Jahren wurde der Vergrößerungsvorgang allmählich in weiten Teilen automatisiert sowie die Qualität des Filmmaterials enorm verbessert - dies hatte zur Folge, daß der praktische Kleinbildfilm trotz des kleineren Filmformats von 24x36mm den Rollfilm vom Amateur-Massenmarkt verdrängte: Vergrößerungen wurden genauso günstig wie Kontaktabzüge, die Feinkörnigkeit der Filme führte zusehends zu einer Abschwächung des Formatnachteils. Die Kameras wurden zudem kleiner und leichter, die kürzere Brennweite der Normal-Objektive verringerten das Unschärferisiko, zudem hatte der normale Kleinbildfilm Platz für dreimal mehr Bilder als ein 6x6 Rollfilm Typ 120: 36 Bilder an Stelle von 12 Bildern beim Format 6x6 ...
Im Amateurbereich begann der Siegeszug des Kleinbildformats, das Rollfilmformat besetzte aufgrund des Formatvorteils nur noch eine kleine Nische bei engagierten Amateuren und besonders bei professionellen Fotografen...
In der Anfangszeit des Kleinbildformats gab es lediglich einige wenige Hersteller (z.B. Leica oder Contax), die sich dem Bau von Kameras für das damals noch sehr spezielle Filmformat 24x36 widmeten. Es waren sehr kostspielige Präzisionswerkzeuge, hauptsächlich für die professionelle Reportagefotografie gedacht. Der sich abzeichnende Siegeszug des Kleinbildfilms auf dem Amateurmarkt löste jedoch einen Boom auf dem Kameramarkt aus - zahlreiche Kamerahersteller beendeten die Produktion von Rollfilmkameras und widmeten sich fast ausschließlich der Neukonstruktion von preisgünstigen "Volkskameras" für den Kleinbild-Massenmarkt. Die großen Filmhersteller AGFA und ADOX waren natürlich zur Absatzsteigerung ihrer Filme auch dabei: Agfa mit der Serie "Agfa Silette" und Adox mit der Serie "Adox Polo", beides außerordentlich erfolgreiche, günstige und gute (!) Amateur-Kleinbildkameras für jedermann in der Zeit des bundesdeutschen Wirtschaftswunders, die in großen Stückzahlen verkauft wurden und die bei guter Pflege und regelmäßigem Gebrauch (wie die Transistorradios dieser Epoche...) Kameras "für's ganze Leben" waren und heute noch genauso gut funktionieren wie dereinst, geplante Obsoleszenz gab es noch nicht...Made in Germany war eben noch ein vertrauenswürdiges, ehrliches Qualitätssiegel...
Die oben abgebildete ADOX Polo 1S ist die zweite Kamera aus der Kleinbild-Kameraserie von ADOX, die von 1959-1964 gebaut wurde und für knapp unter 100 DM zu haben war. Im Vergleich zu einer komplett aus Metall gefertigten ADOX Golf Rollfilmkamera ist die Polo mit ca. 300 Gramm ein Leichtgewicht, da sie hauptsächlich aus Kunststoff mit wenigen Aluminiumteilen besteht. Neben dem Selbstauslöser hat die POLO 1S im Unterschied zum Basismodell POLO 1 noch zwei gravierende Vorteile: den flexibleren Pronto-Verschluss sowie das Radionar L 2.8/45 von Schneider-Bad Kreuznach, das sich bei mir als "Sahnehäubchen" bzw. "Geheimtipp" dieser eigentlich schlichten Kamera herausgestellt hat. Das Radionar L ist ein lichtstarker Dreilinser und hat ein besonderes Alleinstellungsmerkmal im Kreis der preisgünstigen "Volkskameras" mit einfachen Tripletobjektiven wie z.B. einer Agfa Silette: eine hochbrechende" Vorderlinse aus Lanthan-Glas ist im Objektiv verbaut, die der Dreilinser-Konstruktion regelrecht "Beine macht" und der Optik zu wesentlich mehr Fähigkeiten verhilft als für die damals meist üblichen Familien und Urlaubsbilder notwendig waren - kurzum: verantwortlich für die besonders guten Abbildungsleistungen der Optik ist das Objektiv der Adox Polo 1S. Bei entsprechender Abblendung auf mindestens (!) Blende 8 und einer präzisen Fokussierung entstehen richtig randscharfe (!) und kontrastreiche Negative, die durchaus mit teuren, aufwändigen fünf oder sechslinsigen Gauss-Objektiven konkurrieren können...(das Vergleichsobjektiv war immerhin ein Zuiko MC Auto-S, 1.8/50mm...).
Die Kamera hat keinerlei "optische Krücken", also keinen Belichtungs- und keinen Entfernungsmesser, d.h. sie ist im Wortsinn des Begriffs "Kamera" lediglich eine minimalistische, lichtdichte Filmkammer, in die eine "Lichtdosierung" eingebaut wurde: die Blende steuert ein in seiner Größe regulierbares "Lichtloch" (= Objektiv) zur Außenwelt, das sich zeitgesteuert öffnen und verschließen (= Verschluss) läßt - das ist bereits alles, was die Kamera dem Fotografen für seine Lichtspielereien technisch zur Verfügung stellt. Für die Zeitsteuerung sorgt ein hochwertiger Zentralverschluss des damals weltbekannten Feinmechanikunternehmens GAUTHIER in Calmbach, d.h. die wesentlichen Elemente zur Herstellung von technisch (!) guten Negativen sind in der Preisklasse einer ADOX Polo 1S von ganz besonderer Qualität.
Mit "sunny sixteen", ausreichend kleinen Blenden, mit Zonenfokussierung, hyperfokaler Entfernungseinstellung und viel Erfahrung beim Schätzen von Entfernungen liefert die solide "Filmkammer" mit ihrer Optik-Brennweite von 45mm und der damit verbundenen weitreichenden Tiefenschärfe bei angemessener Handhabung und fotografischer Erfahrung ausgezeichnete Bilder.
Der Spaß kommt hier auch nicht zu kurz: mit dieser total minimalistischen, "elementaren", über 60 Jahre alten Kamera zu arbeiten ist einem aktiven fotografieren im Sinne von "ludus-luminosus" noch sehr nahe - und noch etwas: die Adox Polo 1S ist ein einfaches, aber gutes "Werkzeug", sie verfügt über genügend technisches Potential zum Gelingen von sehr guten fotografischen Bildern, aber: die Umsetzung des Potentials und die Verantwortung für ein GUTES BILD liegt jedoch komplett beim Fotografen...ein einfaches "DrauflosKNIPSEN" wie mit einem modernen Smartphone "bestraft" die Adox POLO mit völlig unbrauchbaren Negativen - beherrscht man seine fotografischen und gestalterischen "Basics", macht die Kamera im Rahmen ihrer technischen Möglichkeiten genau das, was man sich eventuell vorgestellt hat ...
Die folgenden Bilder versuchen längst entschwundene Fotopapiere (z.B. die Warmtonpapiere Agfa Record Rapid oder auch Agfa Portriga...) elektronisch zu emulieren, sie entstanden im Schlosspark CASTELL / Unterfranken mit einer ADOX Polo 1S, ohne den für die Lichtsituation eigentlich notwendigen gelben Korrekturfilter, Film Kentmere 100, entwickelt in Adoxal/Rodinal 1+50...